Ghosting –
der feige Abgang

Warum der plötzliche Kontaktabbruch so mies ist und von großer Schwäche zeugt

 

Ich wurde geghostet. Mittlerweile ein Satz, den man viel zu oft hört. In meinem Fall sage ich ihn auch bedauerlicherweise nicht zum ersten Mal. Und doch: Wenn der Mensch, zu dem ich die letzten Wochen täglich Kontakt hatte, von jetzt auf gleich einfach nicht mehr antwortet und abtaucht, dann macht es mich aufs Neue fassungslos. Weil ich nie verstehen werde, warum Menschen sich so verhalten. Weil immer Zeit und Mut für ne Antwort da sein sollte, sei sie noch so unschön. Weil man verdammt nochmal bei jeder Interaktion mit anderen Menschen eine Verantwortung hat, ihnen mit dem Respekt zu begegnen, den sie verdienen.

 

Wenn man fürs plötzliche Abtauchen einen Begriff braucht: Ghosting

 

Aber mal von vorne. Ghosting – was genau ist das eigentlich? Es passiert heutzutage in sämtlichen Bereichen: im Jobkontext, bei Wohnungsbesichtigungen oder eben bei Datinggeschichten, ja sogar bei Liebesbeziehungen. Gemeint ist der plötzliche Kontaktabbruch, das Untertauchen ohne Ankündigung, das Gehen ohne Abschied, das Verschwinden ohne Antwort – ganz so als sei man ein Geist, den die andere Person sich eingebildet hat. Das Phänomen gab es schon immer, nur ist es in Zeiten von Dating-Apps, Messenger-Diensten & Co massentauglich geworden. Eine Nachricht lässt sich superleicht wegklicken, ein Match ist im Nu aufgelöst oder eine Nummer zack blockiert. Jemanden Face-to-Face oder auch per Nachricht zurückzuweisen ist da schon unbequemer und kann Angst bei konfliktscheuen Menschen auslösen. Das ist keine Entschuldigung, aber ist nun meist der Kern des Problems. Schäbig ist es immer. Nur sobald wir uns aufs Dating-Terrain begeben, wird es besonders verzwickt, denn das Risiko ist recht hoch: krasse Verletzbarkeit, wenn man vor hat, sich ehrlich und offen auf einen Menschen einzulassen und ihn kennenzulernen. Der Einsatz: zumindest unser Selbstbewusstsein, vielleicht sogar unser Herz. Schöne Scheiße. 

Mutig nimmt man dieses Risiko immer wieder auf sich, weil man ja auch weiß, was man gewinnen könnte: Tolle Momente, eine wunderbare Affäre oder richtig Liebe mit allem und so – wer weiß das schon. Um es herauszufinden, muss man sich nun mal auf andere Menschen einlassen. Und das ist gar nicht so einfach, denn da draußen gibt es ja unzählige Möglichkeiten, die das Ego mit Aufmerksamkeit beballern, für die man gekickt werden kann. Viele davon sind vielleicht gefälliger, einfacher, unkomplizierter. Doch man muss vertrauen. Genau das will ich. Und das will ich auch niemals verlernen.

 

Ghosting als Exit-Strategie für Konfliktscheue

 

Aber, wenn  ein „bis morgen” nichts mehr wert ist, dann weiß ich langsam echt nicht mehr, in welcher Welt wir hier leben. Eigentlich für den darauffolgenden Tag verabredet, dann nie wieder gemeldet, alle Nachfragen erfolglos. Ok. Wow. Danke für nix. Ganz nach dem Motto „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern” ist Ghosting die willkommene Exit-Strategie für viele, die von plötzlichem Interessenverlust heimgesucht werden. Oder aber auch für die, die Bindungsängste mitbringen oder gar verschwiegene Partner*innen und denen es plötzlich zu heikel wird. Auch Verfechter*innen des Mehrgleisigfahrens ghosten erfahrungsgemäß sehr gerne – Dates gegeneinander abwägen, alle hinhalten (hier spielt noch das perfide Dating-Phänomen des Breadcrumbing – also dem anderen immer nur kleine Aufmerksamkeitskrümel geben, um ihn bei der Stange zu halten – mit rein. Aber dazu bald in einem anderen Artikel mehr). Wenn man sich dann entschieden hat, den restlichen Menschen nicht mehr antworten und untertauchen. Einfacher geht es nicht, bloß sich nie wieder melden, nichts erklären, nur raus aus der Nummer. Wie sich der Mensch fühlt, der geghostet wurde, bekommt man praktischerweise nicht mehr mit. Ein schlechtes Gewissen kann so also wunderbar umgangen werden. Doch da hakt es gewaltig im Denkapparat: Das schlechte Gewissen sollte omnipräsent sein. Gepaart mit der Scham, richtig feige zu sein. Denn für den, der keine Antwort mehr erhält, ist es viel demütigender, so hart ignoriert zu werden, als einfach eine klare Ansage zu bekommen.

„Aber bitte, können wir alle die Eier haben, es nun mal ehrlich zu sagen, wenn man keinen Bock mehr auf jemanden hat? Dann hat dieser Jemand nämlich wenigstens die Chance, es zu verstehen, eventuelle Wunden zu lecken und dann auch die Geschichte abzuhaken.”

Es ist mehr als legitim zu sagen: „Du ich glaube, ich habe keine Lust, weiter Kontakt mit dir zu haben.” Oder: „Sorry, aber ich denke, das führt zu nix.” „Entschuldige bitte, aber da ist eine Person in mein Leben getreten, die ich einfach toller finde. “  „Ich glaube, ich habe etwas Schiss vor Bindung.” Oder was auch immer. Fühlt sich auch kacke an, so etwas zu lesen und niemand wird gern abserviert. Aber bitte, können wir alle die Eier haben, es nun mal ehrlich zu sagen, wenn man keinen Bock mehr auf jemanden hat? Dann hat dieser Jemand nämlich wenigstens die Chance, es zu verstehen, eventuelle Wunden zu lecken und dann auch die Geschichte abzuhaken. Bei Ghosting aber nimmt das Gedankenkarussell erst richtig Fahrt auf. Hab ich was falsch gemacht? Ist der Person vielleicht etwas passiert? Bin ich nicht xy genug? Bis hin zu: Habe ich mir das eigentlich alles eingebildet? Und diese zermürbenden Gedanken, auf die man niemals eine Antwort erhalten wird, halten einen recht arg vom Abhaken ab. Das ist mehr als unfair. Und das alles nur, weil jemand eben zu feige und egoistisch ist und den für sich einfachen Weg wählt. Für den Geghosteten hingegen ist es der definitiv holprigere Weg. Diese Form der Zurückweisung macht etwas mit einem, man stellt seine Wahrnehmung infrage. Man fühlt sich benutzt und wertlos, weil man einfach fallengelassen wird, aber man scheinbar keiner Erklärung würdig ist. In meinem Fall ist es zum Glück emotional an der Oberfläche geblieben und dennoch fühlt es sich richtig scheiße und übergriffig an. Denn da geht es ja gar nicht mehr zentral um den Menschen, der plötzlich aus dem Leben verschwindet, was richtig traurig sein kann. Es geht vor allem um diesen Mindfuck, so handlungsunfähig gemacht zu werden, jegliche Chancen auf Erklärung und Verstehen genommen zu bekommen. DAS ist die eigentliche Krux am Ghosting. Und vor allem ist es nun mal so: Jemand, der es noch nicht mal für nötig hält, uns in einer kurzen Nachricht wissen zu lassen, was Phase ist, der hat es sowas von nicht verdient, so viel Raum im Kopf einzunehmen.

 

Ghosting in langjährigen Beziehungen. Wtf?

 

Besonders schlimm wird es allerdings, wenn Menschen jahrelange Beziehungen durch Ghosting beenden. Und das kommt tragischerweise vor. Aus dem eigenen Unvermögen, die Situation korrekt aufzulösen,  wird dabei in Kauf genommen, dem anderen richtig viel Leid anzutun. Denn was eine solche Trennung mit der Psyche von Ghosting-Opfern macht, kommt einem Desaster gleich. Die Autorin Tina Soliman hat sich in ihrem Buch Ghosting – vom spurlosen Verschwinden des Menschen im digitalen Zeitalter” mit dem Phänomen des plötzlichen Kontaktabbruchs beschäftigt und sagt: Wenn ich jemanden so zurücklasse, der oder die mir zuvor nahe war, greife ich seine oder ihre Grundbedürfnisse an, etwa das Bedürfnis nach Bindung und Orientierung. Schließlich wollen wir alle wissen, woran wir sind, und möchten deshalb gerne auch den Ausgang einer Beziehung mitbestimmen.”* 

Ghosting ist eben so viel mehr als eine ausbleibende Antwort – und es kann bleibende Schäden hinterlassen. Das Entsetzen darüber, dass man scheinbar kein letztes Wort, keinen Abschied verdient hat, kann sich tief als Glaubenssatz in unser System einprägen und eine enorme Unsicherheit und weitreichende Vertrauensprobleme schüren. Zudem greift es den Selbstwert immens an. Ganz schön viel Scheiße kann da bei Ghosting-Opfern also kleben bleiben, was man easypeasy mit nötigem Respekt hätte verhindern können.

Von daher sollten wir uns vielleicht alle mehr hinterfragen, Schwäche gegen Charakterstärke eintauschen und mal lieber auf Fairplay setzen – ob in Beziehungen, Freundschaften oder beim lockeren Daten. Denn hinter jeder WhatsApp-Nachricht, hinter jedem DatingApp-Chat steckt schließlich ein Mensch. Und dieser Mensch hat das Recht auf offene Karten, auch wenn es uns einen kurzen Mutausbruch abverlangt, eben diesem Menschen die Wahrheit zu sagen. Und somit eventuell kurz einen Konflikt aushalten zu müssen. Aber es lohnt sich so sehr. Für alle Beteiligten.

Foto: Ann H. via pexels

* (https://www.emotion.de/psychologie-partnerschaft/partnerschaft/ghosting-ploetzlicher-kontaktabbruch)

Text: Jenny

Jubel Trubel Zweisamkeit-Gründerin, Fan von Wortneuschöpfungen und Songs, die sich dramatisch steigern. Die hört sie am liebsten laut beim Auto fahren oder während sie klitzekleine Sachen in Schachteln ordnet. Nebenbei arbeitet die Detailverknallte als Freelancerin – ihr Ding: alles, was mit Copywriting, Social Media und Texten zu tun hat. Ach ja, und Kirmes. Übrigens würde sie ganz gerne auf der nächsten Hochzeit den New Girl-Ententanz nachstellen. Wer Bock hat mitzumachen, gerne mal melden!

Foto by Betty

Veröffentlicht am 11. April 2020
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