Die Romantik des
Wählscheibentelefons

Letzt erwischte ich mich dabei, dass ich ich mir ein Wählscheibentelefon wünschte. Ja, natürlich ist es eine romantische Vorstellung, denn nein, früher war nicht alles besser. So ‘ne Nummer soll das hier nicht werden. Aber manchmal muss man mal ins Früher zurück gucken, um was im Heute zu ändern. Deswegen ist die Fingerlochscheibe für mich Ausdruck von Entschleunigung. Nix mit eingespeicherten Nummern, Video-Anrufen, Voice-Mails. Nein, die Fingerlochscheibe zwang dich zur Konzentration, zur Besinnung auf das, was du da gerade tust: wählen. Finger ins Loch der entsprechenden Ziffer und die Scheibe drehen, Ziffer für Ziffer. Wenn dein Kabel lang genug war, konntest du vielleicht das Telefon bis zur nächsten Sitzgelegenheit mitnehmen, ansonsten wurde im Flur an Ort und Stelle telefoniert. Heute unvorstellbar, immer sind wir erreichbar, immer sind wir on, immer sind wir angestrahlt, im wahrstem Sinne des Wortes gefangen im Wlan-Netz, dass einen immer tiefer verschlingt. Lässt es mal locker, stehen die mobilen Daten ihm zur Seite. Kaum ein Entkommen für uns. Gedanken flirren, to-do-Listen verlängern sich vorm geistigen Auge oder in digitalen Notizen. Wir fahren Auto und nehmen Voice Mails auf, wir gucken Serien und tunen unsere Fotos für Instagram dabei. Wir können alles immer machen und haben. Gleichzeitig.

"In mir beginnt eine Sehnsucht nach Zeiten mit weniger digitalen Übersprungshandlungen zu brennen."

Für mich wird das immer mehr zum Fallstrick. Dabei ist Ambivalenz echt ein großes Thema. Ich liebe Social Media, ich liebe Netflix und überhaupt dieses Internet. Aber zu viel von etwas, kann es manchmal eben versauen. Bewusst konsumieren und so. In mir beginnt eine Sehnsucht nach Zeiten mit weniger digitalen Übersprungshandlungen zu brennen. Denn ich merke, vieles ist zum Automatismus geworden, der einen beachtlichen Batzen meiner Zeit frisst. Als mir letzt bewusst wurde, dass ich kaum noch einen Tatort von lächerlichen 90 Minuten gucken kann, ohne immer wieder automatisch mein Handy zu nehmen und stumpf Mails, Facebook und Instagram öffne, um wie gesteuert zu scrollen, zu gucken ohne zu gucken. Denn manchmal nehme ich das gar nicht wahr, so sehr ist das Checken schon zur Gewohnheit geworden. Ansonsten steigt eine innere Unruhe in mir auf. Oder der Klassiker: ich trage selten eine Armbanduhr, nutze zum Zeitablesen mein Smartphone. Die erschreckende Folge: ein einfaches kurz-auf-die-Uhr-gucken wird manchmal zur Falle, die, wenn ich das so niederschreibe, so dämlich klingt, aber mir dennoch immer wieder passiert – ich gucke nicht nur auf die Uhr, sondern öffne auch die ganzen besagten Apps wie ein Süchtiger nacheinander. Und dann plötzlich realisiere ich, dass schon wieder 30 Minuten verstrichen sind, dass ich das, was ich gerade eigentlich tat, unterbrochen habe und der digitale Input sich wie ein schwerer Brocken in meinen Konzentrationsfluss geschoben hat.

Das will ich nicht mehr. Einmal richtig bewusst gemacht, ist das schon ein Ding. Als ich mich mit einem guten Freund darüber unterhalten hab, wie schnell man sich in den Weiten des Smartphones in rasender Geschwindigkeit verliert, gab er mir den Tipp, die Pushnachrichten auszuschalten. Die roten Punkte auf unseren Apps machen nämlich etwas mit uns, sie suggerieren uns Belohnung in Form von Aufmerksamkeit: Da gibt’s exklusive News nur für mich. Der zweite Tipp war, Instagram und Co nicht auf der ersten Ebene auf dem Smartphone zu lassen, dann ist die Hürde, es ständig zu öffnen, auch schon größer. Und der simpelste Trick – Handy einfach öfter in der Tasche lassen. Ach guck, ja, hmm auch ne Option. Ich gehe mal los, besorge mir jetzt mal einen Wecker und tausche mal die Batterien in meiner Armbanduhr aus. Und vielleicht mach ich was ganz Verrücktes und schließe mir ein Festnetztelefon an – zwar leider ohne Wählscheibe, aber hey, Manches bleibt auch besser, was es ist: eine romantische Vorstellung.

 

Foto: Pixabay Alexas_Fotos

Text: Jenny

Jubel Trubel Zweisamkeit-Gründerin, Fan von Wortneuschöpfungen und Songs, die sich dramatisch steigern. Die hört sie am liebsten laut beim Auto fahren oder während sie klitzekleine Sachen in Schachteln ordnet. Nebenbei arbeitet die Detailverknallte als Freelancerin – ihr Ding: alles, was mit Copywriting, Social Media und Texten zu tun hat. Ach ja, und Kirmes. Übrigens würde sie ganz gerne auf der nächsten Hochzeit den New Girl-Ententanz nachstellen. Wer Bock hat mitzumachen, gerne mal melden!

Foto by Betty

Veröffentlicht am 6. September 2018
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