Alleine
woanders

Es gibt diese Menschen, die ihr ganzes Leben lang alleine reisen. Die es eher als lästig empfinden, eine oder mehrere Personen dabei zu haben, mit denen sie sich koordinieren müssen. Die lieber als einsamer Wolf unterwegs sind, Eindrücke ganz allein für sich auf sich wirken lassen. Und es gibt die andere Sorte Mensch. Wie mich. Ich liebe es, Erlebnisse zu teilen. Ich liebe es, zusammen mit Menschen, die mir wichtig sind, neue Orte zu entdecken. Zwei Gläser Wein am Abend. Gemeinsames Essen, Aufstehen, Bauch halten vor lachen und manchmal auch gemeinsames Verlorengehen. Deshalb konnte ich mir lange nicht vorstellen, alleine in Urlaub zu fahren. Bis zu dem Punkt im letzten Jahr, an dem ein Bedürfnis in mir so laut wurde, dass ich es nicht mehr ignorieren konnte: Der unbändige Wunsch mit mir ganz alleine irgendwo weit weg zu sein.

Also los. Yoga Retreat auf Mallorca. Raus aus dem Alltag, Zeit für mich selbst, aber nicht ganz auf mich allein gestellt. Ne gute Option für einen Anfänger-Alleine-Verreiser, dachte ich. Ich gebe zu, am Anfang war das komisch. So allein zum Flughafen. Keine Ahnung zu haben, auf wen ich dort treffe und wie es mir vor allem mit mir selbst gehen wird. Ich war müde und ausgebrannt. Nicht nur von zwei Jahren ziemlich viel Arbeit und vielen neuen Dingen in meinem Leben. Ich hatte ein paar Monate zuvor meine Großmutter verloren, die für mich eine unglaublich wichtige Bezugsperson gewesen war. Und mit ihrem Tod hatte ich auch irgendwie mich selbst verloren. Alles war im Fluss und verschob sich und das machte mir Angst. Ich hatte keine Ziele mehr, wusste nicht wohin mit mir selbst. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte es sich an, als wäre da kein fester Boden mehr unter meinen Füßen. Als würde ich die ganze Zeit versuchen, von Stein zu Stein zu balancieren, aber nichts blieb da, wo es sein sollte. Ich war traurig, als ich in den Flieger stieg. Diese Vorfreude, die sich sonst immer wie ein Kribbeln in meinem ganzen Körper breit gemacht hatte, vermisste ich dieses Mal. Aber ich wusste eins: Das hier war wichtig für mich. Um klar zu werden. Um mich um mich zu kümmern. Und um vielleicht auch den Fokus neu zu setzen.

 

Gar nicht mal so einfach – dieses Entspannen

Alleine sein. Etwas, das ich früher oft wollte und gut konnte, das jetzt aber plötzlich so bedrohlich wirkte. Bei meiner Ankunft in der Finca, in der ich in den nächsten Tagen wohnen würde, war ich alles andere als entspannt. Die Menschen dort waren so herzlich und nett, aber ich wollte am liebsten niemanden sehen. Was nicht ging. Denn anfangs gab es nur eine andere Retreat-Teilnehmerin, die Yoga-Lehrerin und mich. Inklusive gemeinsamer Mahlzeiten, während denen ich mich zwangsläufig mit meinen Mitmenschen auseinandersetzen musste. Ich hatte mich selten so fehl am Platz gefühlt. Während die anderen über Chakren und schamanische Rituale sprachen, fragte ich mich, wie ich diese Woche jemals zu meiner Woche machen könnte. Dabei war es wunderschön dort. Die Finca lag bei Montuiiri, einem verwunschen-hübschen Dorf in den Bergen inmitten von Wiesen und Feldern voller Orangenbäume. Aber ich? Fremdelnd. Innerlich unruhig. Und auch ein bisschen arrogant und ignorant gegenüber den Lebensansichten anderer. Erst verkroch ich mich viel auf mein Zimmer und versteckte mich hinter Büchern. Aber dann machte ich für mich selbst eine Ich-lass-mich-jetzt-drauf-ein-Challenge aus der Situation. Ich war hergekommen, um mich für mich selbst zu öffnen. Dazu gehörte vielleicht auch, dass ich anderen Menschen eine Chance gab und dass ich alles, was hier auf mich wartete, annahm. Denn eines merkte ich schnell: Die Atmosphäre auf der Finca war voller Liebe und positiver Energie. Hier wollte jeder nur das Beste für mich, also sollte ich diese Einstellung gegenüber den anderen doch auch zeigen.

 

Mit jedem Tag wurde ich entspannter. Die Yoga-Einheiten morgens und abends halfen mir so sehr. Zum ersten Mal seit langer Zeit spürte ich meinen Körper wieder und wurde mir darüber bewusst, was es heißt, Körper und Geist in Einklang zu bringen. Die Yogalehrerin, die ich erst mit Skepsis begutachtet hatte, schätzte ich immer mehr. Und sonst? Die Tage plätscherten so vor sich hin. Ich streifte durch das kleine Dorf, hörte viel Musik, ließ das letzte Jahr Revue passieren, fragte mich, wie ich wieder zufriedener werden könnte. Ich hatte das erste Mal richtig Raum für meine Trauer. Ich vermisste meine Großmutter sehr. Keines meiner Erlebnisse mehr mit ihr teilen zu können, ihr das erste Mal keine Postkarte zu schicken, ihr nicht erzählen zu können, wie die beeindruckende Schönheit der Kathedrale in Palma mich fast zum Weinen gebracht hatte – das konnte und kann ich immer noch nicht fassen. Aber ich versuche es Schritt für Schritt zu akzeptieren.

Ankommen. Loslassen.

Und irgendwann war er plötzlich da, dieser Augenblick des Loslassens. Ich saß am Strand, schaute aufs Meer und plötzlich vermisste ich kein Zuhause. Ich vermisste niemanden an meiner Seite. Ich spürte einfach nur Dankbarkeit und Glück. Für die Möglichkeiten in meinem Leben, für meine Freunde, meine Familie. Für alles, was ich schon erreichen und für alles, was ich schon sehen durfte. Und für die vielen Millionen Momente voller Herzhüpfer und Glückseligkeit, die ich schon erlebt hatte. Melancholie. Ja, auch die fühlte ich. Aber eine sanft ziehende, bittersüße Melancholie, die mir zeigte, dass gerade alles gut war. Und dass ich ohne Unglück niemals wüsste, was Glück bedeutet. Oft gehört, ist aber so.

Am Ende meines Urlaubs wäre ich gerne noch länger geblieben. Nur 7 Tage. Aber sieben Tage, in denen ich so viel gelernt hatte. Was es heißt, sich selbst anzunehmen mit allen Gefühlen, allen Makeln und allen Besonderheiten zum Beispiel. Oder sich selbst aushalten – das Schwierigste manchmal. Ich hatte mich ein paar Tage lang nur um mich selbst gekümmert. Um meine Bedürfnisse. Ich hatte gelernt, offener gegenüber anderen Menschen zu sein, aber gleichzeitig Grenzen zu ziehen, wenn ich mit mir selbst allein sein wollte. Ich konnte das Wirrwarr in meinem Kopf ordnen. Ich konnte mir verzeihen, nicht immer zu funktionieren. Ich hatte verstanden, dass ich zuerst mich selbst wieder ganz machen muss, bevor es mit anderen Dingen weitergehen kann. Und ich hatte das Gefühl, das erste Mal wurde dieses dunkle Etwas in mir, das mich seit Monaten lähmte, ein kleines Stück kleiner und machte langsam Platz für ein zaghaftes Leuchten.

Kerstin Buddendiek, Co-Founder Jubel Trubel Zweisamkeit

Text: Kerstin

Jubel Trubel Zweisamkeit-Gründerin und Verkupplungskünstlerin. Dazu Komplimente-Tourette und ein Lidstrich, der ewig hält – wenn das keine geile Mischung ist?! Neben ihrem Ruhepol-Dasein hat sie ‘nen ziemlichen Plan von Influencern und Social Media Shizzle. War früher ganz klares Unternehmensseite-Kind, hat dann aber doch das Freelancen für sich entdeckt. Größtes Anliegen: Bitte mal „Ich hab noch nie …” spielen. Wer macht mit?

Veröffentlicht am 24. März 2019
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