Gefühle in Zeiten von Tinder

Von der vermeintlichen Lockerheit im Dating-Game 

Ich möchte Schluss machen. Schluss mit Gefühlskoma. Schluss mit vorgespielter Lockerheit. Schluss mit vermeintlicher Entspanntheit. Ich bin für mehr Fühlen. Denn das Abhandenkommen von Emotionen, das gerade unter uns Generation-Y-Menschen so sehr gefeiert wird – es langweilt mich. Gefühle, gerade die amouröser Natur, haben 2019 ein schmerzhaft schlechtes Image. Wann hat das angefangen, dass Herzklopfen, Verknalltheit und der Wunsch, dem anderen noch näher als nah zu sein, lästig geworden sind? Wann haben wir aufgehört, jemanden richtig kennenlernen zu wollen und aufrichtig zu sein? Und das ohne die Angst, als schwach oder unzulänglich gesehen zu werden.

 

Im Land der unbegrenzten Dating-Möglichkeiten

Früher war ein Date noch etwas richtig Besonderes. Die erste Zeit des Kennenlernens eine erwartungsvolle Verheißung, auf das, was noch kommen kann. Mein Herz hat mindestens einmal freudetanzend ausgesetzt, wenn auf dem Handydisplay eine Nachricht mit der Frage nach einem gemeinsamen Kaffee oder Bier erschien. Und heute? Hallo Generation “Swipen-bis-die-Finger-wund-sind”. Hallo Generation Abgestumpft. Eine kürzlich erhobene Studie des Rheingold-Institutes belegt jetzt das, was sich im Dating-Alltag schon längst nicht mehr neu anfühlt: Tinder & Co verändern unser gesamtes Liebesleben und Beziehungsverhalten. Wer möchte, kann an einem Tag fünf Verabredungen haben und die werden mal eben so im Vorbeigehen erledigt. Dating entwickelt sich immer mehr zum schnell konsumierten Spiel nebenbei. Spieleranzahl unbegrenzt. Ein falsches Wort und zack, fliegst du raus aus der aktuellen Runde. Austauschbarkeit bis zum get no. Wenn jede noch so kleine Macke oder kritische Äußerung die Gefahr des „Zu kompliziert”-Stempels in sich birgt, bleibt wenig Raum für Charakter. In diesem Spiel ich selbst bleiben? Ziemlich schwierig. 

„Willst du gelten, mach dich nicht selten, sondern locker. Prädikat „Unkompliziert"."

Ich muss zugeben, diese Abstumpfung, die ich manchmal auch bei mir selbst beobachte, sie macht mir Angst. Diese vermeintliche Gelassenheit, die über allem schwebt. Und diese vorgetäuschte Gleichgültigkeit, in die ich mich schon viel zu oft verstrickt habe – ich würde sie gern loswerden. Irgendwann haben wir wohl die Fähigkeit verloren, uns auf Menschen richtig einzulassen. Totale Gefühlsüberforderung. Anstatt Echtheit und ehrlichem Interesse haben sich in den letzten Jahren unschöne Anforderungen entwickelt, denen wir im Dating-Game entsprechen wollen. Willst du gelten, mach dich nicht selten, sondern locker. Prädikat „Unkompliziert“. Ich hab es mich selbst schon zu oft sagen gehört: „Ich hab da jemanden kennengelernt. Nee, verliebt bin ich nicht. Erstmal schauen. Alles entspannt.“ Und dann heißt es, den anderen bloß nicht überfordern. Mit zu viel Mir. Mit zu viel Herz. Mit zu viel Realität. 

Die neue Lockerheit

Ich möchte keine Angst haben, nach heutigen Maßstäben als zu verbindlich zu gelten, wenn ich sage: „Ich würde dich gern wiedersehen”. Locker? Ich bin nicht locker. Nicht auf diese Weise. Und ich glaube, in Wirklichkeit sind das die wenigsten. Ich kann mir keine Gleichgültigkeit einreden, wenn ich mit einem Lächeln im Gesicht an jemanden denke. Mir ist es auch nicht egal, wann ich jemanden, den ich mag, wiedersehen werde. Ich setze da nicht entspannt auf den Zufall. Aber in meinem Umfeld wird mir suggeriert, dass das nicht okay ist. Allein der Wunsch nach einer festen Verabredung gilt heute schon bei vielen als Stressen und gleicht fast einem Heiratsantrag. Kein Wunder also, dass Gefühle aussprechen ausgetauscht wird gegen Klappe halten und gefallen wollen. Dabei bedeutet echtes Kennenlernen doch nicht, sich auf ewig zu binden. Es bedeutet einfach nur eine Chance auf mehr. Die wir alle viel zu oft vorüberziehen lassen. FOMO ist da wohl das Stichwort. Fear of missing out – kaum zu glauben, dass wir sogar einen Begriff haben für diese rastlose Angst, etwas zu verpassen. Von diesem Unvermögen, sich bewusst für etwas oder jemanden zu entscheiden, wird die Dating-Welt jedoch mehr und mehr bestimmt. 

Das ist schade. Denn egal ob aus Angst oder einfach wirklichem Desinteresse: Uns entgeht so viel. Es gibt so viel Besseres als kleine Nähe-Happen in Form von One-Night-Stands und belanglosen Fließband-Begegnungen. Eine echte Verbindung zu spüren, gibt uns doch mehr als sich den tausendsten Ego-Booster durch digitale Matches oder unbedeutende Flirts zu holen. Mich macht diese Belanglosigkeit müde. Ich möchte jemanden erfahren. Mich interessiert das, was am Anfang noch verborgen bleibt. Ich will wissen, was jemanden bewegt und nicht in dieser endlos eintönigen Smalltalk-Schleife gefangen sein, in der die immergleichen oberflächlichen Fakten abgeklopft werden. Ich möchte zu den anfangs unentdeckten Kleinigkeiten und Geheimnissen durchdringen. Bis ich endlich weiß, wer der andere wirklich ist und auch der andere mich als ganze Person begriffen hat, ist es ein Weg. Auf dem ich viele Eigenschaften entdecke kann, die mir gefallen. Genauso wie die, die mich im ersten Augenblick nerven, die ich aber trotzdem liebgewinnen kann. Ich glaube, es lohnt sich zu dieser Ebene zu gelangen. 

„Ja, wir sollten auf unsere Herzen aufpassen, aber vielleicht mal ein bisschen weniger. Ich persönlich will lieber am Ende weinen, als es nicht versucht zu haben."

Ich wünschte, wir würden viel öfter den Gleichgültigkeitspanzer ablegen und auf unser Gefühl hören – entgegen unserer Angst. Denn ja, mir ist klar: Gefühle zulassen, das birgt auch immer ein Risiko. Ich kann verletzt werden. Aber wie soll ich denn ohne Risiko jemals gewinnen? Wie soll ich jemals pures Glück und Herzhüpfen bis zum Mond und zurück spüren, wenn ich mich nicht öffne und niemals weiterschaue als bis zum ersten „Hey, wie geht‘s?“? Ja, wir sollten auf unsere Herzen aufpassen, aber vielleicht mal ein bisschen weniger. Ich persönlich will lieber am Ende weinen, als es nicht versucht zu haben. Lieber drei Tage in meinem Bett sitzen und an die Decke starren und mir „Was-wäre-wenn-gewesen-Geschichten“ ausmalen, als mit einem festgetackerten Bree-Van-de-Camp-Lächeln durch mein Leben zu laufen. Ich will mich lieber unsicher fühlen, bangen und hoffen, als vor viel zu viel Angst vorm Fühlen durch eine ziemlich eintönige Welt zu dümpeln. 

 

Schluss mit der emotionalen Verkümmerung. 

Ich habe mir vorgenommen, offener zu sein. Dieses Spiel aus emotionaler Unantastbarkeit und dem Wunsch gefallen zu wollen, lasst es uns doch umkehren und bewusst mehr spüren. Mehr Zuneigung zeigen. Mehr sagen, was wir denken. Und ganz bewusst Dinge aussprechen, die das Herz furchtbar dringend herausschreien will. Lasst uns Gefühle nicht mehr als Schwäche sehen. Denn wir sind so sehr damit beschäftigt, stark und unabhängig zu sein, dass wir vergessen, wie viel Stärke darin liegt, auch mal verletzlich zu sein. Lasst uns doch alle Mut beweisen und mehr zu uns stehen. Und nicht zu gefühllosen Zombies werden, die zwar das freiste Leben ever führen, dafür aber oft ziemlich einsam sind. Und wenn wir uns verbrennen? Dann ist das eben so. Lieber verbrennen als erfrieren.

 

Credits: Photo by Kristopher Roller on Unsplash

Kerstin Buddendiek, Co-Founder Jubel Trubel Zweisamkeit

Text: Kerstin

Jubel Trubel Zweisamkeit-Gründerin und Verkupplungskünstlerin. Dazu Komplimente-Tourette und ein Lidstrich, der ewig hält – wenn das keine geile Mischung ist?! Neben ihrem Ruhepol-Dasein hat sie ‘nen ziemlichen Plan von Influencern und Social Media Shizzle. War früher ganz klares Unternehmensseite-Kind, hat dann aber doch das Freelancen für sich entdeckt. Größtes Anliegen: Bitte mal „Ich hab noch nie …” spielen. Wer macht mit?

Veröffentlicht am 23. Juli 2019
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