Wie sich das anfühlt ohne Antwort

Ghosting Eduardo Sanchez Unsplash

Es war 12 Uhr nachts und er schrieb, er nähme die nächste Bahn zu mir. Zwei Stunden, einige blaue what’s app-Häkchen und unbeantwortete Anrufe später, wurde mir klar, dass er nicht mehr bei mir ankommen würde. Nicht wegen eines Unfalls oder anderer widriger Umstände, sondern weil er schlicht nicht wollte. Bäm – dieser Moment, wenn der Mensch, mit dem du die letzten Wochen verbracht hast, sich plötzlich nicht mehr meldet. Und zwar nie mehr. Ghosting ist das “Ich geh mal Kippen holen” unserer Generation. Bitter, dass wir dafür einen festen Begriff etabliert haben. Ghosting zeugt von großer Feigheit. Von Charakterschwäche. Und leider kenne ich kaum jemanden, der es noch nicht erlebt hat. Ghosting ist richtig mies. Denn egal, wie oft davon gehört oder gelesen: Wenn es dich selbst erwischt, trifft es dich mit voller Wucht und tut richtig weh.

Dabei war es doch der andere, der sich wie ein Arschloch verhielt.

In besagter Nacht habe ich mich schlimm gefühlt. Genauso wie die Tage darauf. Nicht, weil er mir so viel bedeutet hatte. Vielmehr weil ich behandelt worden war wie ein Stück Dreck, das man mal eben wegwirft. Was sein Verhalten in mir auslöste, für ihn scheinbar egal. Davon bekam er ja sowieso nichts mehr mit. Genau das ist das Unfaire und höchst Gemeine am Ghosting: Ich war diejenige, der es schlecht ging. Ich war diejenige, die sich fragte, was sie falsch gemacht hatte. Immer und immer wieder. Dabei war es doch der andere, der sich wie ein Arschloch verhielt. Und der andere, der mir diese Frage ganz einfach hätte beantworten können.

Ich möchte mich weiter ohne Angst auf Menschen einlassen. Ich möchte Vertrauen haben.

Wir leben in einer Zeit der unsicheren Beziehungen. Nichts heißt mehr etwas. Kein “Bis morgen”, kein “Ich mag dich”. Wie soll man den Mut aufbringen sich auf jemanden einzulassen, der jederzeit einfach verschwinden kann? Denn auch dieses zaghafte, anfängliche Kennenlernen erfordert Mut. Es macht verletzbar. Und dieser Verletzbarkeit sollte mit Respekt begegnet werden. Ich möchte mich weiter ohne Angst auf Menschen einlassen. Ich möchte Vertrauen haben. Ich möchte entspannt Gefühle zulassen können. Und nicht bei jeder verzögerten Antwort zittern müssen, dass sich mein Gegenüber gerade in Luft aufgelöst hat. Deshalb bin ich für mehr Respekt. Zu sagen, “Ich will nicht mehr. Ich fühle nicht wie du”, ist nie schön. Aber das passiert. Es ist in Ordnung. Und eine solche Ansage zu machen, ist um einiges besser als einfach zu verschwinden. Ich habe nie wieder etwas von meinem Ghosting-Mann gehört, aber ich weiß, eine klare Aussage und ein “Das war es jetzt, weil..” aus seinem Mund, hätte es mir leichter gemacht. Es hätte mir den Respekt gezeigt, den jede zwischenmenschliche Beziehung – und sei sie noch so kurz – braucht.

Vielleicht würde es helfen, wenn wir alle damit anfangen, andere so zu behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen. Wenn wir etwas weniger darüber nachdenken, wie wir möglichst leicht, sondern möglichst fair aus einer Sache herauskommen. Denn das tut nicht weh. Und eines ist sicher: Es ist egal, ob ihr zwei Stunden, zwei Monate, zwei Wochen oder zwei Jahre miteinander verbracht habt. Jeder verdient eine Antwort. Und wenn es nur ein Abschiedsgruß ist.

Foto-Credit: Eduardo Sanchez via Unsplash

Kerstin Buddendiek, Co-Founder Jubel Trubel Zweisamkeit

Text: Kerstin

Jubel Trubel Zweisamkeit-Gründerin und Verkupplungskünstlerin. Dazu Komplimente-Tourette und ein Lidstrich, der ewig hält – wenn das keine geile Mischung ist?! Neben ihrem Ruhepol-Dasein hat sie ‘nen ziemlichen Plan von Influencern und Social Media Shizzle. War früher ganz klares Unternehmensseite-Kind, hat dann aber doch das Freelancen für sich entdeckt. Größtes Anliegen: Bitte mal „Ich hab noch nie …” spielen. Wer macht mit?

Veröffentlicht am 25. Februar 2018
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