Gehen ohne
zu wollen

Das Schwerste für mich war zu gehen in dem Wissen, wir wollen beide bleiben. Wochenlang habe ich mit meinen Blicken jeden Quadratzentimeter der Stadt nach dir abgesucht. Ich habe dich überall gesehen. Aber das warst nie du. Und jedes Mal war ich enttäuscht und erleichtert. Es ist besser so, ich weiß. In meinem Kopf läuft dieses Verstandsmantra in Dauerschleife. Nur habe ich in den letzten Wochen lernen müssen, dass mein Herz sehr gut darin ist, meinen Verstand zu ignorieren. Dass äußere Umstände Gefühlen so gar nichts bedeuten. Es gibt Stunden, in denen ich nichts tue außer zu fühlen. Ich finde mich dann wieder. Ins Leere starrend. Sitze vor der Dusche. In meinem Bett. Auf dem Küchenboden. Oder irgendwo in dieser Stadt, vielleicht nur ein paar Meter von dir entfernt, ohne es zu wissen. Es brennt. Von den Haarzspitzen bis in meine Zehen, aber am schlimmsten tut mein Herz weh. Und nichts hilft. Wie hatte ich diese körperlichen Schmerzen vergessen können. Als ob ein Stück von mir abgetrennt und bei dir geblieben wäre.

Es fühlt sich falsch an. Es fühlt sich scheiße an. Daran zu ändern ist nichts.

Ich hatte nicht mit diesen zwei Sekunden gerechnet. Zwei Sekunden und du hattest mich. Ich glaube, so hat es sich angefühlt, als ich das erste Mal verliebt war. Vorbehaltlos und bescheuert vor Glück. Und jetzt muss ich mein Handy verschrotten, darf nie mehr Alkohol trinken oder muss deine Nummer löschen, damit ich dir nicht schreibe. Ich finde es fast lächerlich. Aber du hast mein Herz so sehr berührt. Und doch zählt das nicht. Wir müssen vernünftig sein. Jetzt ist es schlimm. Später wäre es vielleicht unerträglich. Denn manche Dinge sind größer als Anziehungskraft, als guter Wille und vielleicht auch als das, was einmal Liebe werden könnte. Lebensentwürfe, die so weit auseinandergehen, dass wir über kurz oder lang nicht einmal mehr in Sichtweite voneinander wären. Mit 30 kenne ich mich gut genug, zu wissen, was ich zu meinem Lebensglück brauche. Genau wie du. Du willst das eine, ich will das andere. Ende. Und glaub mir, wenn ich nicht um das Drama wüsste, was auf uns zukommen würde, ich wäre mit Anlauf in die Sache mit uns hineingerannt. Ich hätte mich fallen lassen, bis ich irgendwann auf den Boden der Tatsachen geknallt wäre. So haben wir eine Entscheidung getroffen. Es fühlt sich falsch an. Es fühlt sich scheiße an. Daran zu ändern ist nichts. Hätte ich dich lieber nie getroffen? Nein. Denn du hast mir etwas gegeben, auf das ich niemals hätte verzichten wollen: Wie du mich angeschaut hast. Wie mein Blick sich in deinem Blick verlieren durfte. Wie ich mich in uns verlieren durfte. Und dieses Gefühl von Vollkommenheit. Den tiefsten Augenblick mit dir hatte ich, als wir gar nichts gesagt haben. Gefühlte fünf Minuten haben wir uns gekannt, als ich mit dem Kopf auf deinem Schoß eingeschlafen bin. Behütet und friedvoll. Bei dir war ich zerbrechlich auf die schönste Weise. Das fehlt.

Es wird besser werden, ich weiß. Ich werde aufhören, dich zu suchen, wo du nicht bist. Ich werde mich wieder vollständig fühlen nur mit mir selbst. Diese Schwere bleibt nicht für immer. Und trotzdem ist ein Wunsch irgendwo ganz tief in mir versteckt: Dass wir uns in einem anderen Leben wiedersehen und dann alles einfacher ist. Dass ich dann einfach mein Herz entscheiden lassen kann und dass mein Verstand überhaupt keinen Grund mehr haben wird, sich einzuschalten. Dass ich dann nicht mehr nur darüber nachdenken darf, wie es wäre, mit dir und bei dir zu sein, sondern dass ich es dann einfach tun kann.

 

Foto by Vladislav Muslakov via Unsplash

Kerstin Buddendiek, Co-Founder Jubel Trubel Zweisamkeit

Text: Kerstin

Jubel Trubel Zweisamkeit-Gründerin und Verkupplungskünstlerin. Dazu Komplimente-Tourette und ein Lidstrich, der ewig hält – wenn das keine geile Mischung ist?! Neben ihrem Ruhepol-Dasein hat sie ‘nen ziemlichen Plan von Influencern und Social Media Shizzle. War früher ganz klares Unternehmensseite-Kind, hat dann aber doch das Freelancen für sich entdeckt. Größtes Anliegen: Bitte mal „Ich hab noch nie …” spielen. Wer macht mit?

Veröffentlicht am 16. März 2018
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