Unter all
den Momenten

An unserem gemeinsamen Abend blickte ich dir so tief in deine Augen, dass ich das Meer in mir spüren konnte. Und als du in meinen Armen eingeschlafen warst, sah ich dich an, so als wolle ich Landkarten von dir zeichnen, damit ich dich wieder finden würde, wenn der Sturm in mir meine Segel zerreisst. Als du dann fort warst, habe ich die Erinnerung an dich hingegen behalten und die Zeichenstriche weitergeführt. Jedes Detail von dir aufgesogen und dich nicht mehr losgelassen.

Du wolltest gehen,
aber hattest dich
hier vergessen.

Es blieb nur bei dieser einen Nacht, doch hielt ich unsere Schatten weiterhin am Leben. Wie gefangen in Platons Höhle, habe ich vor deinem Abbild gesessen. Mich wie ein Wahnsinniger deinen Illusionen hergegeben, bis du in meinem Kopf beinahe real geworden wärst. Ich hatte dich in meinem Herzen konserviert, damit du bleibst, auch wenn du für immer gehst. Hatte mich nach deiner Nähe gesehnt, aber bin lieber mit deinen Schatten verblieben.

Denn ich wusste um die Gefahr, würde ich das Uns den Witterungen des Alltags aussetzen. Anstatt dich nach einem richtigen Date zu fragen, habe ich unsere Konversationen langsam ausbluten lassen. Und es verging nicht viel an Zeit, da hatte ich nie wieder von dir gehört. Wahrscheinlich wollte ich das Bild von uns nicht mit etwas trüben, was zu oft eine solche Verbindung langsam, aber stetig verwelken ließe: die Realität, der Alltag, die faden Momente, das Schlechte, das Auseinanderleben und irgendwann doch nicht mehr lieben. Du warst für mich zu etwas anderem bestimmt. Etwas Höherem, fast Metaphysischem, eine Art der Transzendenz.

Erst als ich mich
an dir verlor, spürte ich,
dass ich existierte.
Wo Stellen in mir leer waren,
warst jetzt du.

Meine Gedanken an dich hielten den Rhythmus meines Herzens im Gleichschritt. Niemand, außer du, hatte meine Einsamkeit vollständig ausgefüllt in den Wochen und Monaten, die folgten. Es war okay für mich unzufrieden verliebt zu sein, anstatt das Wagnis mit dir einzugehen, um am Ende vielleicht wieder allein da zu stehen. Vielleicht war es eine gewisse Verbitterung in dieser Hinsicht, doch half das Erinnern an unseren Moment mir über eine schwierige Zeit in meinem Leben hinweg.

Ich hatte dich zu meinem Ankerpunkt auserkoren, ein Mantra, das ich auf und ab betete, wenn das Chaos über mich zusammen brach. Ich hatte dich zu der Stille unter all den vielen Stimmen in mir gemacht. Während die eigentliche Erinnerung an unsere Nacht immer mehr verblasste, kupferte ich weiterhin das Gefühl ab und schloss es immer tiefer in mir ein. Hielt mich daran fest, wenn die Nächte länger und stiller waren, als ich es je hätte aushalten können. Doch du hast mich beruhigt, mich mit der Erinnerung in den Schlaf gewogen.

Kann deine Berührungen noch fühlen.
Sie liegen wie Schatten in der Nacht
auf meiner blanken Haut.
Und ich wusste nicht recht,
ob sie mich, oder mein Herz berühren.

Am Ende warst es wohl nicht du, sondern das allgemeine Gefühl, in das ich mich verliebt hatte. Heute weiß ich natürlich auch, wie unglaublich feige ich gewesen bin, das Wagnis nicht doch einzugehen. Doch letzthin war das Jahr schön mit dir. Ich hatte in der Zeit nicht mehr als diese Erinnerung an uns gebraucht, um den Glauben an das Wahre nicht zu verlieren. Dank dir war ich schöpferisch, habe vieles fühlen dürfen und dabei erkannt, dass es besser ist, lieber mit einer Gewissheit als mit einer bloßen Fantasie durch die Welt zu laufen. Die Begegnung mit dir hat Spuren hinterlassen und während ich versucht habe, dich wieder aus mir heraus zu brennen, musste ich feststellen, dass du dich bereits tief in mich hinein gebrannt hattest. Du warst ein langer Teil meines Lebens, ohne jemals wirklich da zu sein. Und im Nachhinein denke ich, dass es so auch besser gewesen ist.

Unter all den Momenten, warst du der Schönste.

 

Foto by Jake Young via Unsplash

Text: Sebastian

Sebastian, der Mann fürs Fühlen. Er zeichnet mit Worten Kunstwerke, die unter die Haut gehen. Wundervoll poetisch mit Sinn für Philosophie (hat er auch mal studiert). Auf seinem Instagram-Kanal liefert er euch Wordporn in reinster Form. Deep,schön und schlau. Neben tiefen Textwelten mag er Schlagzeug und Fotografie. Eben ein schöpferischer Typ durch und durch.

Veröffentlicht am 7. Juli 2018
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